Israel war nie in Ägypten

… zumindest nicht das ganze Volk, und das Volk Israel gab es noch gar nicht.

Ein Beitrag von PD Dr. J. Cornelis de Vos

In ägyptischen Quellen selbst gibt es kaum Erwähnungen eines „Israel“. Die älteste stammt aus dem Jahre 1208 v. Chr. Auf einer Stele des Pharao Merenptah (1224-1204 v. Chr.) erscheint der Name „Israel“ als Bezeichnung für eine Gruppe von Menschen, die sich irgendwo südlich des Karmel im heutigen Israel aufgehalten haben. Die Deutung ist schwierig, aber sicher ist, dass es sich nicht um ein Land, einen Staat oder Stadtstaat handelt.

Vor dieser Zeit gibt es keine Erwähnungen von irgendeinem „Israel“, es sei denn, man verbindet die sogenannten ‘apīru, ḫabīru oder ḫapīru, die in ägyptischen und keilschriftlichen Texten öfter erwähnt werden, über die Klangverwandtschaft mit „Hebräer“ und so mit den Israeliten, die schließlich in der Bibel auch Hebräer genannt werden. Ob aber ‘apīru usw. die Bezeichnung einer Ethnie oder einer gewissen (Berufs)gruppe ist, ist umstritten. Am wahrscheinlichsten ist, dass es sich um umherziehende Söldner oder Räuber handelte, die vielleicht eine Gruppe, nicht aber ein Volk darstellen. Ansonsten gibt es mehrere Bericht über Nomaden, die die Grenze zwischen Ägypten und Palästina passierten (die ägyptischen Grenzbeamten führten darüber genau Buch). Aber auch hier liegt keine direkte Verbindung mit den Israeliten vor.

Aus der Zeit des Pharao Ramses II. (1290-1224 v.Chr.), in die der Aufenthalt Israels in Ägypten meistens angesetzt wird, gibt es keine ägyptischen Quellen über Israel. Das kann daran liegen, dass die Großmacht Ägypten kein Interesse an diesem Volk hatte, es zu klein war, um aufzufallen oder dass es zu dieser Zeit überhaupt noch kein Volk Israel gab. Es gab immer wieder Gruppen, die kürzere oder längere Zeit in Ägypten waren und die man nachmalige Israeliten nennen kann; aber eine ganzes Volk in der Größe, von der die Bibel redet (s. 2. Mose 12,37), gab es zu der Zeit in Ägypten nicht.

Historisch ist es am wahrscheinlichsten, dass eine oder mehrere Gruppen vom Süden aus mit all ihren Geschichten ins Land Kanaan gekommen sind. Als dann zu einem späteren Zeitpunkt die Geschichte des Volkes Israel mit seinem Gott geschrieben wurde, Teile des Alten Testaments, wurde diese Teilgeschichte mit aufgenommen in die „religiös-nationale“ Geschichte. Die Lenkung der Geschichte wurde Gott zugeschrieben, und darum wurde aus dem Auszug einer oder mehrerer Gruppen nachmaliger Israeliten aus Ägypten eine für das ganze Volk Israel befreiende Heilstat Gottes (vgl. 2. Mose 20,2: „Ich bin der Herr, der dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft herausgeführt hat“).

Nicht nur der Auszug, auch die zehn Plagen wurden der Macht Gottes zugeschrieben. Ägypten war in der ganzen Antike bekannt (und auch belächelt) wegen seiner vielen Tiergötter und seiner Zauberei. Die Plagenerzählung zeigt in der biblischen Darstellung, dass der israelitische Gott sehr viel mächtiger ist als die ägyptischen Götter und Zauberer. Es geht um das Bekenntnis der für Israel befreienden Macht seines Gottes.

Wer versucht, die Plagen biologisch zu erklären, unabhängig davon, ob das tatsächlich der Hintergrund ist, verfehlt den Sinn der Geschichte. Der Heilstat Gottes wird gedacht. Ob diese genau so stattgefunden hat, wie es in der Bibel beschrieben wird, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass das Volk Israel das später so gesehen hat. Und ja: Im Gedenken war Israel sehr wohl in Ägypten, und Händel gedenkt dieses Gedenkens auf wunderbare Weise.